Sonntag, 3. Februar 2013

Justin Cronin: Die Zwölf



In der BRIGITTE (ja, ab und zu blättere ich darin rum) habe ich von der Legende der Entstehung der Passagen-Trilogie gelesen. Justin Cronins Tochter fragte ihren Vater, warum er denn nicht eine Geschichte über ein Mädchen schreibt, dass die Welt rettet. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und begann die Passagen-Trilogie zu schreiben. Der erste Band, DER ÜBERGANG (THE PASSAGE) wurde ein Riesenerfolg, die Filmrechte gingen schon lange vor Erscheinen für weit über eine Million Dollar an 20th Century Fox und Ridley Scott ist als Regisseur für die Verfilmung im Gespräch. Sogar in Deutschland gab es eine gebundene Ausgabe bei einem großen Verlag (Goldmann/Random House), was in diesem Genre eigentlich sonst nur Stephen King und Dean Koontz vorbehalten ist.

Im ersten Band wird auf über 1000 Seiten die Geschichte vom Untergang der Zivilisation erzählt, der durch einen Virus ausgelöst wird, der die Infizierten in vampirähnliche Wesen verwandelt und von dem Erstinfizierten (Zero) und den direkt von ihm infizierten (Die Zwölf) verbreitet wird. 93 Jahre später ist es Amy Harper Bellafonte, die auch irgendwie mit dem ominösen Virus infiziert ist, die zusammen mit einigen menschlichen Mitstreitern versucht, die bestehende Ordnung und die Macht von Zero und den Zwölf zu brechen. Das ist natürlich grob verkürzt und wird dem Inhalt von DER ÜBERGANG in keinster Weise gerecht, aber hier geht es ja auch um den zweiten Teil:

DIE ZWÖLF (THE TWELVE) kann man grob in drei verschiedene Zeitebenen unterteilen. Der Großteil des ersten Drittel des Buches spielt in der Zeit des Ausbruchs des Virus. Die Geschichte vom Direktor der Behörde (Horace Guilder), die verantwortlich für das Projekt Noah ist, das den Ausbruch hervorgerufen hat, und einiger der ersten Infizierten (u.a. Lawrence Grey) wird erzählt. Außerdem wird der verzweifelte Kampf der Menschen, die sich sowohl vor den Virals (wie die Infizierten genannt werden) als auch vor dem Militär schützen müssen, in Einzelschicksalen beschrieben. Danach wird kurz auf die Vorgeschichte von General Vorhees, den man aus DER ÜBERGANG kennt, und einen Virals-Angriff, der später im Buch noch von Bedeutung gewinnt, eingegangen. Die letzten zwei Drittel des über 800 Seiten starken Romans spielen fünf Jahre nach den Hauptgeschehnissen des ersten Bandes der Trilogie. Ohne zu viel vom Inhalt zu verraten, sei gesagt, dass dort die Geschichte der meisten Pro- und Antagonisten aus dem ersten Band weitererzählt und natürlich auch die im ersten Drittel des Buches angefangenen Erzählstränge weitergeführt werden. Das Ende des Romans bietet für ein Trilogie-Mittelstück eine recht erfreuliche Auflösung. Trotzdem bleiben noch genug offene Fragen, die die Spannung auf den dritten Teil (THE CITY OF MIRRORS, voraussichtlicher US-Erscheinungstermin 2014) hoch halten.
Endzeit-Trilogien scheinen gerade in Mode zu sein. In dem von mir zuvor besprochenen zweiten Band der Newsflesh-Trilogie von Mira Grant oder in Z. A. Rechts Toten-Trilogie (vielleicht durch seinen frühen Tod nur ein Dreiteiler?) sind es durch einen Virus infizierte Zombies, die das Ende der Welt, wie wir sie kennen, hervorrufen; in Cronins Trilogie sind es Vampire (mehr oder weniger). Aber ein Trend ist schon zu erkennen. Der erste, leicht erkennbare, Unterschied zu den von mir erwähnten Zombie-Mehrteilern ist schon einmal der Umfang. Die beiden bisher erschienenen Bände sind ca. 1000 Seiten stark. Da kann sich Autor schon einmal austoben. Darum bietet auch DIE ZWÖLF einige Handlungsstränge, denen allen zu folgen, erstens nicht immer einfach ist, und zweitens sind auch nicht alle gleich interessant bzw. spannend. Darum haben mich einige Kapitel, die vielleicht wichtig für den Fortgang der Handlung waren, eher gelangweilt. Das hätte man entweder kürzer oder spannender machen können. Aber wahrscheinlich bleibt das bei einem Roman dieser Länge, der auch noch als Mittelteil eines noch längeren Gesamtwerks ausgelegt ist, gar nicht aus.

Aber was ich hier betreibe ist Meckern auf hohem Niveau. (Und damit meine ich ganz bestimmt nicht mein Meckern.) Über die Länge des Romans schafft es Cronin immer wieder Spannung aufzubauen. Schon der Prolog, in dem ein weit in der Zukunft spielendes Werk biblischen Charakters „zitiert“ wird, macht durch seine Anspielungen neugierig auf das , was da noch kommen mag und gibt im Endeffekt auch Hoffnung auf ein heilbringendes Ende der Trilogie. Diese Spannung wird den ganzen Roman über, mal mehr und mal weniger gehalten, so dass man gerne bis zum Ende dabei bleibt und mit den durch die Bank sympathischen Hauptfiguren mitfiebert.

Zum ganz großen Wurf fehlt in meinen Augen nicht viel. Durch die vielen Protagonisten verliert sich zwar manchmal die Struktur des Ganzen. Aber trotzdem werden die allermeisten Handlungsstränge zum Ende hin aufgelöst und das, obwohl noch ein dritter Band folgen wird. Cronin hat es geschafft, mich über so viele Seiten interessiert bei der Stange zu halten, mir einen befriedigenden Abschluss zu bieten und dabei trotzdem noch so viele mögliche Enden offen gelassen hat, dass ich den dritten Band der Trilogie kaum erwarten kann.

Fazit: Mittelstück einer groß angelegten Vampir-Dystopie-Trilogie. Freunde des Genres bekommen das, was sie erwarten. Es ist nicht die Neuerfindung des Rads, aber sehr, sehr gute Genre-Kost. Jeder, der sich denkt, warum schreibt Stephen King nicht mal wieder einen 1-A-Horror-Roman, sollte zu dieser Trilogie greifen. Zwar hat Cronin (noch) nicht die erzählerischen Qualitäten, die King gerade in letzter Zeit (zwar nicht unbedingt im Genre) wieder zeigt, aber er kommt dem schon ziemlich nahe. Nehmt euch die Zeit, lest erst den ersten Band (DER ÜBERGANG) und dann DIE ZWÖLF. So viel in dieser Qualität ist in letzter Zeit im Horror-Genre nicht erschienen.

Justin Cronin: Die Zwölf
Roman
Goldmann, Januar 2013
Originaltitel: The Twelve (2012)
Übersetzung: Rainer Schmidt
832 Seiten
22,99 € (Gebundene Ausgabe)
ISBN: 978-3-442-31179-8

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