Dienstag, 14. Januar 2014

Andreas Schumacher: Die Zeckenbürstenkatzentreppe

Der Verlag Chaotic Revelry, der seinen Sitz im rheinländischen Swisttal hat, ist mir bisher nur durch seine Anthologie OBERHORROR bekannt gewesen, die bei anderen Bloggern nicht so gut weg gekommen ist, um es mal vorsichtig auszudrücken. Ein Grund mehr einen Blick auf die neueste Publikation des Verlags zu werfen, dessen Programm laut Homepage „humorvoll-anarchisch“ geprägt sein soll. Dann passt der Titel der Storysammlung von Andreas Schumacher schon mal optimal: DIE ZECKENBÜRSTENKATZENTREPPE (ich möchte nicht wissen, wie oft ich diese vier Hauptwörter schon durcheinandergewirbelt habe). 29 Erzählungen und Dramolette hat der Band zu bieten und mindestens genauso viele skurrile Charaktere. Denn eines vorweg: auch wenn manche Geschichten, nicht ganz das einlösen können, was man sich nach den ersten drei Erzählungen erhofft, so besitzt fast jede der Stories  ein hohes Maß an Originalität.

Aber der Start hat es in sich: „Alle vier Wochen“ ist ein E-Mail-Dialog, der sich nach dem Kauf des Buches ALLE SIEBEN WELLEN von Daniel Glattauer auf einem Buchportal (welches ist wohl mit buchsuch.de gemeint?) entwickelt. Man muss Glattauers Buch nicht kennen, damit die Erzählung funktioniert, aber wie Schumacher hier den Roman persifliert und ihn am Ende noch in banale Niederungen führt, ist herrlich.  In der Geschichte „Kauder, Mystery Shopper“ ist der Leser mit einem Testkäufer unterwegs und während eines seiner Testkäufe erfährt man einiges witziges aus Kauders bisherigem Berufsleben. So stelle ich mir humorvolle Kurzgeschichten vor. Auch die dritte bietet Humor vom Feinsten:: der „Brief eines Vaters“ an einen Labyrinth-Besitzer steuert zwar von Anfang an auf die erwartbare Katastrophe zu, aber was bis dahin passiert ist realistischer Slapstick, der sich gewaschen hat.
Wie schon erwähnt können nicht alle Erzählungen das Niveau halten. Ich will nicht auf jede der 28 Erzählungen einzeln eingehen, weil das den Rahmen sprengen würde. Aber einige stichprobenartig vorstellen. Zu den weniger gelungenen Stories zählen die Geschichten, die sich mit dem Dichterleben auseinandersetzen, die zum einen ein Problem haben, das Geschichten die Autoren in den Mittelpunkt setzen oft haben: Geschichten über Dichter mögen Dichter interessieren, die meisten Leser interessieren sie nicht. Aber es gibt so viele Geschichten über Schriftsteller, weil diese nun mal gerne über das schreiben, was sie am besten kennen. Und das soll jetzt nicht als Vorwurf verstanden sein, sondern nur als Feststellung. Zum anderen wirken die „Dichter-Erzählungen“ dieses Bandes auf mich etwas vorhersehbarer als die meisten anderen und machen auch einen leicht überkonstruierten Eindruck. Ihnen geht die Leichtigkeit vieler anderer Geschichten ab. Auch die Szenen, die Dramolette, haben meinen Geschmack nicht voll getroffen. Sie sind zum großen Teil sinn- und inhaltslos, was wahrscheinlich beabsichtigt ist, aber mich eher gelangweilt hat. Ich hatte keine Lust mich zu fragen, was der nackte Mann im Fahrstuhl soll und warum sich der Verkäufer im Juwelier so verhält, wie er sich verhält. Dazu war mir die Sprache in den Szenen zu gestelzt. Ich kann mir vorstellen, dass einige der Szenen auf einer Bühne ganz gut funktionieren, aber als reine Lesestücke funktionieren sie – bei mir jedenfalls – nicht.

Aber genug gemeckert: Es gibt noch genug positive Sachen über diese Sammlung zu berichten. Ab und zu kommt nämlich auch eine Geschichte, die den eher humoristischen Ansatz, der meisten Geschichten konterkariert. „Die Akte Holzel“ beispielsweise ist eine Bericht über einen Insassen einer psychiatrischen Einrichtung, die auf ganz subtile Weise Schrecken verbreitet, der beim flüchtigen Lesen erst gar nicht durchscheint. Oder die auch in ZWIELICHT CLASSIC 1 zu findende Geschichte „Der neue Nachbar“. Eine bitterböse Science-Fiction-Geschichte, die Essgewohnheiten und Vorurteile aufs Korn nimmt. Und die wechseln sich ab mit wunderbar skurrilen Stories über Messies, die ihren Sozialversicherungsausweis suchen oder die Katastrophen die das Erschleichen von Speis und Trank auf Messen nach sich ziehen kann. Dazu kommen noch wirklich witzige Stories wie „Einmal durch die ganze Stadt“ (eine Srewball-Comedy-Verfolgungsjagd) und „Der Apfel“ (ein merkwürdiger Todesfall bei einer Landwirt-Kuppel-Show im Fernsehen).

Abschließend bleibt festzustellen, dass der positive Eindruck eindeutig überwiegt. Okay, es gibt Sachen, die mir nicht so zugesagt haben, aber selbst diesen muss ich eine originelle Grundidee bescheinigen. Ich würde zukünftigen Lesern aber raten, die Sammlung nicht am Stück zu lesen. Ich kann mir vorstellen, dass die Geschichten eine viel größere Wirkung entfalten, wenn man sich nach und nach jeweils auf eine konzentriert und nicht wie der Verfasser dieser Zeilen von einer Geschichte zur nächsten hetzt.

Eines muss ich noch erwähnen: das Buch hat einen netten kleinen Gimmick. Eine Erzählung ist nämlich die Kopie einer handgeschriebenen Erörterung über „Die dt. Automobilindustrie“, im Stile einer Klassenarbeit, die dem Buch als lose DIN A-4 Blätter beiliegen. Großartige Idee.

Fazit: Eine Storysammlung mit größtenteils skurril-humorigen Erzählungen und Szenen, die in weiten Teilen überzeugt, aber auch einige Schwachstellen hat. Wer Geschichten mit intelligentem Humor mag, wird aber in diesem Buch einige davon finden.

Andreas Schumacher: Die Zeckenbürstenkatzentreppe
Szenen und Erzählungen
Chaotic Revelry, Dezember 2013
278 Seiten
12,95 €
ISBN: 9783981581133

"Die Zeckenbürstenkatzentreppe" bei Chaotic Revelry

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