Donnerstag, 12. März 2015

Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser (Hrsg.): Dunkle Stunden


Nachdem das Autoren-Duo Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser schon seit einigen Jahren mit Kurzgeschichten in einigen Anthologien vertreten war (für die Erzählung „Das Herz des Jägers“ aus Lothar Misckes Anthologie Geschichten unter dem Weltenbaum gab es 2011 des Deutschen Phantastik Preis), haben sich die beiden nun daran gewagt, selbst eine Anthologie herauszugeben. Sie starteten eine Ausschreibung und suchten Kurzgeschichten, die sich mit dem Thema Dunkelheit befassten. Da  gerade dieses Thema von vielen Seiten aus beleuchtet werden kann, verwundert es nicht, dass auf ihren Aufruf ca. 300 Geschichten eingesandt wurden. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was für ein Aufwand es gewesen sein muss, diese 300 Geschichten zu lesen und auf ihre Tauglichkeit (in mehrerlei Hinsicht) für die Anthologie zu prüfen. Schon alleine dafür möchte ich Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser meinen Respekt aussprechen.

Übrig geblieben sind 25 Kurzgeschichten, die im Oktober 2014 in dem Band Dunkle Stunden publiziert wurden. Wie schon erwähnt, gibt es natürlich verschiedene Herangehensweisen an das Thema Dunkelheit. Daraus ergibt sich, dass diese Sammlung sehr abwechslungsreich ist. Ich wage zu behaupten, das  für jeden etwas dabei ist. Aber genauso wird jeder Leser Geschichten finden, mit denen er rein gar nichts anfangen kann – sei es thematisch oder wegen des Stils. Nichtsdestotrotz bleibt beim Verfasser dieser Zeilen ein positiver Gesamteindruck nach der Lektüre des Buches hängen. Aber ich gehe, wie bei meinen Anthologiebesprechungen üblich, zunächst auf die einzelnen Erzählungen ein. Da es 25 an der Zahl sind, versuche ich mich so kurz wie möglich zu halten, damit die Länge dieser Rezension nicht ausartet. Damit werde ich natürlich den meisten Erzählungen nicht gerecht und bitte vorher um Entschuldigung.

1)Tobias Wulf: Licht, Dunkelheit und Ratten
Es beginnt mit einem dystopischen Kammerspiel in der Dunkelheit eines eingestürzten Bunkers. Die Geschichte des mir vorher gänzlich unbekannten Autors bietet zwar sprachlich und atmospärisch nichts Besonderes, ist aber eine solide Startgeschichte, die aber auch Luft nach oben lässt.

2)Moritz B. Hampel: Ungezügel
Diese Luft kann die zweite Story aber nicht füllen. In dieser im Präsens und aus der 1. Person erzählten Geschichte, wird ein unter der Erde gehaltenes menschliches Wesen mit eher tierischen Eigenschaften nur zu Jagdzwecken an die Oberfläche gezerrt. Die Geschichte des Biestes, das auch Gefühle zeigt, ist an sich nicht übel. Aber ich nehme Protagonisten die Erzählstimme nicht ab. Die Taten und die Worte sind nicht im Einklang. Die Erzählweise wirkt daher aufgesetzt und daher zündet die Story nicht.

3)Bettina Ferbus: Die Quelle der Inspiration
Ganz anders ist es bei der ersten in der Gegenwart spielenden Geschichte. Ein Horrorautor wird von einem Fanzine-Schreiberling nach seiner Inspiration gefragt. Die Antwort ist denkbar einfach, aber die ganze Welt ist involviert. Eine nicht ganz neue, trotzdem aber erstklassige Idee, die gut umgesetzt ist. Lediglich zum Ende hin fällt die Erzählung etwas ab.

4)Thilo Corzilius: Durch die Nacht
Der Ravinia-Autor erzählt eine Art Aschenputtel-Geschichte bei einem Wiener Hofball, die ein unrühmliches Ende findet. Es soll wohl mit klassischen Gruselelementen ein kleiner Schauer erzeugt werden. Bei mir hat das überhaupt nicht funktioniert.

5)Hanna Nolden: Gefangen
Hanna Noldens Geschichte ist ein Beispiel dafür, dass man mit dem letzten Satz einer Erzählung die vorher aufgebaute Atmosphäre komplett kaputt machen kann. Die beklemmende Version einer Story, die vom Eingesperrtsein auf engstem, dunklem Raum handelt, die dadurch, dass sie in der 2. Person erzählt wird, noch beklemmender wirkt, büßt am Ende alles ein. Schade.

6)Jan-Christoph Prüfer: Nur Scheiße
Der Leser dieser Rezension mag sich mittlerweile vielleicht denken, stand da zu Beginn nicht etwas von positivem Gesamteindruck. Davon merkt man aber nach den ersten fünf Kurzbesprechungen bis jetzt noch nicht viel. Mit Prüfers Geschichte ändert sich das, denn diese Geschichte hat mich an den Eiern gepackt. Ich will gar nicht zu viel erzählen, aber wie in dieser Geschichte eines Kanalarbeiters realer mit fiktivem Horror kombiniert wird, ist ganz großes Tennis. Dazu kommen noch gruselige Kindheitserlebnisse des Protagonisten, die diesen Eindruck noch verstärken. Das Ganze ist zwar nicht spektakulär erzählt, erschreckt aber in vielerlei Hinsicht.

7)Sabrina Železný: Symphonie der Lichter
Nach  so einer überragenden Geschichte, hat es selbst die gute Erzählung einer blinden Ich-Erzählerin, die Farben hören kann, schwer. Die Dame wird von einem Pianisten, der durch die von ihr allein gehörten Melodien zu Ruhm gelangt, ausgenutzt. Das ist zwar etwas überraschungsarm, aber doch stringent erzählt, und geht zu Herzen

8)Mateusz Broniarek: Symbiont
Einem Autor wird das Leben mehr oder weniger ausgesaugt, doch er erhält im Gegenzug nie dagewesene Inspiration. Geschichten mit ähnlicher Storyline habe ich schon viele gelesen. Diese ist eine der Besseren.

9)Michael Rapp: Zehn Talente
Nach drei guten Stories, mal wieder ein Fehlschlag: Diese 08/15-Erzählung um Schuld und Sühne im Fantasy-Gewand hat keine irgendwie geartete Atmosphäre zu bieten und ist schlicht und ergreifend langweilig.

10)Dag Roth: Der Krieger
Ein Mann hat seit dem Tod einer ihm nahe stehenden Person, einen unsichtbaren Krieger bei sich. Der innere Dämon ist also für den Ich-Erzähler sichtbar, und zwar nur für ihn. Die Geschichte ist nicht schlecht, bringt aber auch nicht wirklich etwas Neues, ist nicht besonders originell erzählt und dazu noch etwas vorhersehbar.

11)Markus K. Korb: Träume vom Abgrund
Die zweite Geschichte mit dem Prädikat: nur für diese eine Geschichte lohnt sich die Anschaffung der gesamten Anthologie. Korb erzählt, ummantelt von einer Rahmenhandlung, drei (mit der Rahmenhandlung sogar vier) Geschichten, die sich um das Thema Vergänglichkeit drehen.  Und er tut das mit einer sprachlichen Bildgewalt, die man selten in deutschsprachigen Kurzgeschichten findet. Er zeigt einmal mehr, dass er zu den Besten seiner Zunft zählt.

12)Anke Höhl-Kayser: Mitsommerdämon
Anke Höhl-Kayser ist neben Moritz B. Hampel und Matthias Töpfer mit zwei Stories in dieser Anthologie vertreten. Die erste handelt von einer deutschen Austauschstudentin in Schweden, deren Affäre mit der Tochter der Gastmutter böse endet, und sie sogar 18 Jahre später immer noch verfolgt. Das ist guter, solider Grusel, wie der Genre-Fan ihn mag.

13)Matthias Töpfer: Frau Legnowski und die Qualen der Hölle
Die erste Geschichte des Autoren aus Unna erzählt von der 55-jährigen vom Leben gebeutelten Hildegard Legnowski, die für sich und ihren Enkel in einer Wäscherei schuften muss, als plötzlich kurz vor Ladenschluss ein seltsamer Kunde vor ihr steht. Eine Variation der Teufelspakt-Geschichte, die auf ganzer Linie überzeugt. Besonders die Protagonistin wirkt zu 100 Prozent aus dem Leben gegriffen. Ich habe mich köstlich amüsiert.

14)Udo Kirchem: Grenzgänger
Die Gefahren, die von einem Experiment ausgehen, dass Quantenphysik mit Geisterbeschwörungen verbinden will, zeigt die Geschichte eines Sohnes der am Kranken- bzw. Sterbebett seines Vaters weilt. Das ist gut erzählt, konnte mich aber nicht vollkommen überzeugen.

15)Torsten Scheib: Die Dunkelheit im Herzen
Filmfan Torsten Scheib hat sich bei seinem Beitrag offenbar von John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ inspirieren lassen. Ein Ex-Knacki, der sich als Koch in einer arktischen Forschungsstation verdingt hat, beschreibt in seinem Tagebuch, wie die Bewohner der Station langsam aber sicher von etwas Dunklem dezimiert werden. Wieder einmal eine gute und kurzweilige Geschichte des Ludwigshafeners.

16)Christian Damerow: Nicht vom Land, nicht von der See
Ein indischer Architektur-Professor begleitet seinen Sohn nach Berlin, wo dieser studiert. Eine tieftraurige Geschichte, die von Verlust handelt. Schön geschrieben und dazu noch klug, was will man mehr von einer Kurzgeschichte?

17)Andreas Gruber: amazon.jp
Ab und zu verirrt sich der mittlerweile bei den Publikumsverlagen angekommene österreichische Thriller-Autor noch in eine Anthologie eines Kleinverlags. Das ist schön. Andere Länder, andere Sitten - das muss ein Wiener Sachbuchautor erfahren, der auf Promotiontour für sein neuestes Werk in Japan zu recht drastischen Werbemaßnahmen gezwungen wird, um den Verkauf seines Buches anzukurbeln. Eine Geschichte voll von skurrilem Humor, die – wenn man denn diesen speziellen Sinn für Humor mag – auf allerbestem Niveau unterhält.

18)Moritz B. Hampel: Larventanz
Da die richtig guten Geschichten in dieser Anthologie bislang immer im Dreiertakt zu finden sind,fällt Hampels zweite Erzählung im Buch gegenüber den Vorgängern wieder etwas ab. Ein Mann nähert sich während eines Balls – offenbar mit unlauteren Absichten – einer jungen Dame. Er wird aber abgelenkt und muss erfahren, dass sich die eigenen Absichten ins Gegenteil umkehren können. Das ist von der Story und der Ausführung her okay, aber haut einen auch nicht vom Hocker.

19)Tom Daut: Beschissen
Nach dem Freitod seiner Freundin, will sich auch Protagonist Christian das Leben nehmen. Anfangs wird er noch abgehalten und er kann wieder seinem Beruf nachgehen. Die Idee ist super, die Umsetzung leider nicht. Ich will nicht so weit gehen und den Titel der Geschichte mit meinem Urteil über sie gleichzusetzen, aber gefallen hat sie mit trotzdem nicht.

20)Anke Höhl-Kayser: Nacht
Frau Höhl-Kaysers zweite Geschichte toppt sogar ihre schon gute erste. In den Tagebucheinträgen eines über 30-jährigen Muttersöhnchens nach einem nicht näher beschriebenen apokalyptischen Zwischenfall wird beschrieben, wie langsam alles dunkler und ruhiger wird. Der Strom fällt aus, das Essen wird weniger und der Protagonist immer ängstlicher. Sprachlich und formal brillant führt die Autorin den Spannungsbogen auf einer langsam ansteigenden Gerade ihrem finalen Höhepunkt entgegen.

21)Matthias Töpfer: Das Ballettmännchen
Neben Anke Höhl-Kayser ist Matthias Töpfer für mich die Entdeckung dieser Anthologie. Wie schon in seiner ersten Geschichte spielen auch hier ältere Menschen die Hauptrolle. Hier ist es ein Senior, der sich rührend um seine demente Frau kümmert. Aber durch die Krankheit seiner Frau tritt auch eine lange verdrängte große Schuld wieder in sein Leben. Tolle Idee, gut erzählt und mit einer ordentlichen Prise Grusel garniert. So mag ich das.

22)Thomas Karg: Endlich frei
Nach zwei sehr guten Stories muss natürlich auch wieder eine dritte sehr gute folgen. Und das Gesetz der Serie, kommt tatsächlich wieder zum Einsatz. Tom Karg lässt ein menschliches Schlachtvieh erzählen. Das ist aufgrund der Eloquenz des Ich-Erzählers zwar etwas unglaubwürdig, aber das macht im Gegensatz zu der Geschichte „Ungezügel“ in diesem Fall nicht so viel aus. Denn hier ist die Idee, Massentierhaltung durch die Vermenschlichung der Opfer darzustellen,  so originell, dass man eher darüber hinwegsieht.

23)Oliver Plaschka: Die kreisende Schwärze
Und die Dreier-Regel bleibt bestehen. Leider. Ich kann mich spontan an keine Geschichte Plaschkas erinnern, die mir nicht gefallen hat. Aber es gibt immer ein  erstes Mal. Diese SF-Erzählung, in der ein Rettungsteam auf einem weit entfernten Planeten einen verschollenen Senator sucht, besitzt alle Zutaten, die mich an Science Fiction-Geschichten stören. Nachdem ich mich im letzten Jahr durch einige Romane mit dem Genre versöhnt hatte, ist das hier ein herber Rückschlag.

24)Fabienne Siegmund: In dunklen Stunden
Fabienne Siegmunds Geschichte ist ein letztes großes Highlight der Anthologie: Sie liefert eine Anti-Kriegs-Geschichte mit phantastischen Elementen, um ein verschüttetes Mädchen und einen desillusionierten Soldaten. Diese Erzählung berührt auf beste Weise und ist weit davon entfernt kitschig oder platt zu sein.

25)Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser: Der letzte Gast
Zum Abschluss nahmen die Herausgeber noch einmal selbst die Feder in die Hand und bieten eine gute und solide Horrorgeschichte von guter Qualität. Zwei Fremde kehren in eine einsame Herberge ein ein und haben etwas Böses im Gepäck. Nicht besonders originell, aber gut verpackte Horror-Unterhaltung.

Vier Dreierblocks mit guten Geschichten und zwei zum Abschluss des Bandes, erklären nun wohl, warum die Lektüre einen positiven Eindruck bei mir hinterlassen hat. Klar, es waren auch einige mittelmäßige und auch schwache Erzählungen dabei. Aber das kalkuliert man bei einer Anthologie schon vorher mit ein. Trotzdem bleibt anzumerken, dass insgesamt zu viele Kurzgeschichten in diesem Band vereint waren. Natürlich stelle ich es mir schwierig genug vor, sich aus 300 eingesandten Geschichten überhaupt auf 25 zu reduzieren. Aber ich denke, dass es 20 auch getan hätten. Wenn dann noch fünf von den in meinen Augen schwächeren Geschichten weggefallen wären, dann wär der Gesamteindruck noch positiver ausgefallen.

Das vorgegebene Thema Dunkelheit wird von fast allen Geschichten aufgegriffen:  mal mehr, mal weniger - mal buchstäblich, mal metaphorisch. Lediglich bei Andreas Grubers Geschichte fällt es mir schwer den Bezug zum Thema zu finden – mit etwas Wohlwollen könnte man deren schwarzen Humor aber als dunkel bezeichnen.

Dunkle Stunden hat gute Geschichten von Autoren, von denen ich es erwartet hatte. Die Namen Korb, Scheib und Gruber stehen für qualitativ hochwertige Kurzgeschichten, und die liefern sie hier auch ab. Aber ich hab auch neue Autoren gefunden, die ich weiterhin im Auge behalten werde. Hier sind zu nennen: Jan-Christoph Prüfer, Christian Damerow, Tom Karg und vor allem Anke Höhl-Kayser und Matthias Töpfer.

Alles in Allem ist Dunkle Stunden eine gute Themen-Anthologie, deren Aufmachung auch zu gefallen weiß. Der Verlag Torsten Low ist aber auch für gute Anthologien im Bereich der Phantastik bekannt. Bleibt zu hoffen, dass das Niveau gehalten wird und es in dem kleinen Verlag auch weiterhin Anthologien aus den dunklen Bereichen des Genres geben wird. Wenn diese mindestens so gut wie Dunkle Stunden sind, freue ich mich schon darauf. 

Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser (Hrsg.): Dunkle Stunden
Umschlaggestaltung & Illustrationen: Vee-Jas - Juliane Seider & Tanja Meurer
Lektorat & Korrektorat: Maria Blömeke
Satz: Torsten Low
Verlag Torsten Low, Oktober 2014
426 Seiten
14,90 € (Taschenbuch)
ISBN: 9783940036261

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