Montag, 2. Dezember 2013

Karl Marlantes: Matterhorn


Wie wahrscheinlich viele meiner Generation bin ich mit der filmischen Aufarbeitung des Vietnamkriegs groß geworden. Filme wie „Apocalypse Now“, The Deer Hunter“, „Platoon“, „Rambo“ , „Full Metal Jacket“ oder der ziemlich fragwürdige „Missing in Action“ haben mir dieses Trauma der jüngeren amerikanischen Geschichte näher gebracht.  Einen Roman mit dem Thema Vietnamkrieg hatte ich noch nicht gelesen. MATTERHORN von Karl Marlantes war also mein erster Vietnam-Roman.

2010 im Original erschienen, war der Roman in den USA ein veritabler Bestseller. Die deutschen Rechte sicherte sich der kleine Arche Verlag und 2013 erschien jetzt die Taschenbuchausgabe bei Heyne unter dem Hardcore-Label.

Der Autor war selbst als Lieutenant in Vietnam. Nicht von ungefähr ist der Protagonist ebenfalls ein junger Lieutenant, der zu Beginn des Buches zu seiner Marine-Einheit kommt. Offensichtlich hat Marlantes autobiographische Züge in die Person des Second Lieutenant  Mellas eingewebt. 30 Jahre arbeitete Marlantes an dem Roman ehe er veröffentlicht wurde. Es ist seine Aufarbeitung seines persönlichen Traumas.
Er beschreibt das Kriegsgeschehen sehr intensiv. Aber anders als im Film bekommt man als Leser auch Einblicke ins Innenleben der Soldaten. Und das kann bekanntlich verstörender sein als die abscheulichsten Gräueltaten als Beobachter auf der Leinwand zu sehen.
Lieutenant Mellas kommt also im zarten Alter von 19 Jahren zu seiner Einheit nach Vietnam und wird Zugführer einer Marines-Einheit. (19 ist auch so eine Zahl, die ich mit dem Vietnamkrieg verbinde. Paul Hardcastle lässt grüßen). Sein Zug ist Teil einer Kompanie, die auf einem Hügel, der vom amerikanischen Militär Matterhorn genannt wird, positioniert wird. Nachdem sie den Hügel so bereitet haben, dass er gut zu verteidigen wäre, bekommen sie den Befehl Matterhorn zu verlassen. Nur um später wieder zurückzukehren und den Feind dort in den von ihnen errichteten Stellungen zu finden.

Die Handlung des Romans lässt sich schwer wiedergeben, weil sie so aberwitzig erscheint, dass es unmöglich ist sie logisch wiederzugeben. Aber das zeichnet den Roman aus. Er ist aus der Perspektive einer Kampfeinheit geschrieben, die Befehlen Folge zu leisten hat und nicht deren Sinn zu hinterfragen. Obwohl die Soldaten zwangsläufig diesen Sinn hinterfragen und schnell feststellen, dass sowieso kein tieferer Sinn, in dem was sie tun, zu finden ist.

Marlantes singt zwar auch das Hohe Lied des einfachen Marine, der Kameradschaft und der Treue. Was aber fehlt ist jedweder Hurrapatriotismus, der oft, selbst auch in den kritischsten Filmen zu finden ist. Klar, es werden junge Männer vorgestellt, die sich zum größten Teil freiwillig „für ihr“ Land gemeldet haben. Aber sie merken schnell, dass sie nur für eigenes kleines Leben kämpfen und im Grunde genommen nicht wissen, warum sie in dem Dschungel sind, in dem sie sind.

Die Kommandeure, die vorgestellt werden, kommen allesamt schlecht weg. Entweder sind es versoffene Nostalgiker, die einem verklärten Soldatenbild nachhängen, oder Karrieristen, die wissen, dass eine verantwortliche Position in einem Krieg sich gut in ihrem Lebenslauf machen wird. Sie schicken die Soldaten in schier ausweglose Situationen und nehmen bewusst Verluste in Kauf. Was ihre Befehle für den Einzelnen bedeuten, ist ihnen nicht bewusst. Oder sie verdrängen es.

Der Roman beschreibt den Krieg, wie er tatsächlich gewesen sein könnte. Und der Schrecken, der von diesem Roman ausgeht, ist real. Dazu schafft es Marlantes eine Nähe zu den handelnden Personen aufzubauen, dass der Leser ihr Erleben miterlebt. Und durch diese Nähe bezieht der Roman seine Spannung. Man leidet mit, wenn einer der „Jungs“ verletzt oder getötet wird. Man versucht nachzuvollziehen, was diejenigen fühlen, die durch diese Hölle gehen und man ist verspürt diese dumpfe Wut, auf diejenigen, die so etwas zulassen.  In vielen Momenten ist dieser Roman ein großes Anti-Kriegs-Werk.

Marlantes lässt auch nicht die unter den Soldaten herrschenden Ressentiments der unterschiedlichen Rassen aus, die besonders in den Kampfpausen hervortreten. Denn während des Einsatzes gibt es kein Schwarz und Weiß, da gibt es nur Grün. Die Fronten, die es daheim gibt, können selbst die traumatischsten gemeinsamen Erlebnisse nicht wegwischen.

Alles in allem ist MATTERHORN ein großartiger Roman. Einzig gegen Ende wird er mir teilweise zu philosophisch. Ich gestehe Karl Marlantes zu, dass er die Erkenntnisse, die er aus dem Krieg und seiner Verarbeitung des Erlebten gezogen hat, gerne mitteilen möchte, aber dadurch schwächt er das vorher intensive eigene Erleben während der Lektüre etwas ab. Trotzdem kann ich dieses Buch mit bestem Gewissen weiterempfehlen.

Zum Abschluss noch ein dickes Lob an den Übersetzer Nikolaus Stangl. Er bringt das Kunststück fertig, die richtige Balance aus Eindeutschungen und dem Verwenden amerikanischer Militärbegriffe zu finden, die das Buch auch in der Übersetzung exzellent lesbar machen.


Fazit: Anti-Kriegs-Roman, der auf verstörende Weise die Schrecken für den einfachen Soldaten im Vietnamkrieg lebendig werden lässt.

Karl Marlantes: Matterhorn
Roman
Heyne, Oktober 2013
Originaltitel: Matterhorn (2010)
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stangl
670 Seiten
11,99 € (Klappbroschur)
ISBN: 978-3453676572
(auch gebunden - 24,95 €, Arche Verlag - und als E-Book erhältlich: 19,99 €)

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