Montag, 9. Dezember 2013

James Frey: Das letzte Testament der Heiligen Schrift



James Frey verursachte einen der größten Literaturskandale der USA im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends, als herauskam, dass sein vermeintlich autobiographischer Roman „A Million Little Pieces“ (TAUSEND KLEINE SCHERBEN) nicht wirklich autobiographisch, sondern wohl eher fiktiv war. Mit dem Großstadt- Roman „Bright Shiny Morning“ (STRAHLEND SCHÖNER MORGEN) rehabilitierte er sich dann bei der Literaturkritik. Sein  bislang letzter Roman, DAS LETZTE TESTAMENT DER HEILIGEN SCHRIFT („The Final Testament of The Holy Bible“, 2011) liegt nun als Taschenbuch vor, nachdem er 2012 erstmalig in Deutsch beim Verlag Haffmans & Tolkemitt erschienen ist.  Das Taschenbuch ist bei Heyne unter dem Hardcore-Label erschienen. Warum er unter diesem Label erschienen ist, ist mir schleierhaft. Es muss wohl damit zu tun haben, dass er sich mit seinen ersten Romanen den Ruf erworben hat, eine sehr drastische Sprache zu benutzen.  Aus dieser Zeit stammt wohl auch der Blurb auf dem Cover der Ausgabe: „Er schreibt härter als Don DeLillo und zorniger als Bret Eason Ellis“, stand in der ZEIT.

Was als allererstes auffällt, wenn man das Buch beginnt, ist, dass hier nicht ein Übersetzer am Werk war, sondern 13. Und Verleger Gerd Haffmans hat sich nicht irgendwen zum Übersetzen ins Boot geholt, sondern fast ausnahmslos namhafte Autoren deutscher Gegenwartsliteratur: Alexa Henning von Lange, Clemens J. Setz, Charles Lewinsky oder Juli Zeh. Aber genug des Namedroppings.  Kommen wir zum Text selbst.
Wie der Titel schon sagt, lehnt sich der Roman stark an die Bibel an. Es ist die Geschichte von Ben Jones, der als Jude in New York aufwächst, dann von seinem Bruder, der zum Christentum konvertiert ist, aus der Familie verstoßen wird, und später wie durch ein Wunder einen schweren Unfall überlebt. Wie sich später in Rückblenden erschließt, hat schon der Rabbi seiner Gemeinde von klein auf geglaubt, dass Ben der Messias sei. Aber auch sein Bruder und andere christliche Geistliche halten ihn, nachdem sie ihn wiedergefunden haben für die Inkarnation des Sohn Gottes. Wie er sich selbst sieht, wird aus dem Buch nicht wirklich klar. Er hat nach seinem Unfall - eine schwere Fensterscheibe stürzt aus großer Höhe auf ihn - schwere epileptische Anfälle, in denen er angeblich mit Gott (oder dem, was er unter Gott versteht) kommuniziert. Die verschiedenen Konfessionen versuchen natürlich ihn für sich zu vereinnahmen, aber er geht unbeirrt seinen eigenen Weg und predigt (neben den bevorstehenden Untergang) eigentlich nur eines: Liebe. Und zwar jeder soll so lieben. wie er möchte und nicht wie es ihm die Gesellschaft vorschreibt. Das beinhaltet vor allem die körperliche Liebe.

Der Roman ist so aufgebaut, dass verschiedene Weggefährten Ben Jones zu Wort kommen. Da ist zum einen die Nachbarin, die später seine Geliebte wird, seine Schwester, seine Mutter, der Rabbi seiner Jugend und verschiedene andere Personen. Der Clou der Übersetzung ist es , dass die verschiedenen Kapitel von verschiedenen Autoren übersetzt werden.  Ich habe das Original zwar nicht gelesen und kann nicht sagen, ob James Frey es hingekriegt hat, den verschiedenen Erzählern jeweils eine eigene Erzählstimme zu geben, aber der deutschen Version gelingt es ausgezeichnet. Die Übersetzer passen recht gut zum Stil der Erzähler. Harry Rowohlt übersetzt den von der Gesellschaft Verstoßenen und der Lyriker Steffen Jacobs, den sich gewählt ausdrückenden katholischen Pfarrer. Das passt alles. Sprachlich gibt es an dem Roman wenig auszusetzen. Die Uneinheitlichkeit, die ganz nach dem biblischen Vorbild erzeugt werden soll, ist vorhanden.

Was bei DAS LETZTE TESTAMENT DER HEILIGEN SCHRIFT aber daneben geht, ist der Versuch, so etwas, wie eine (Frohe?) Botschaft zu übermitteln. Verknappt gesagt, ist Ben Jones‘ These: Wenn sich alle Menschen lieben, gibt es nichts Böses mehr auf der Welt. Einen Gott, wie ihn die Weltreligionen propagieren gibt es nicht und genausowenig ein Jenseits. Der Mensch hat nur dieses eine Leben und soll es so gestalten, dass er den „Himmel“ schon auf Erden erlebt. Also wie man erkennen kann: ganz neue Aussagen, Ratschläge, wie man das Leben leben sollte, wie es sie noch nie gab. Aber mal im Ernst: So etwas Abgedroschenes ist mir lange nicht mehr in einem Roman untergekommen. Und die Menschen, die diesem Ben Jones begegnet sind und von ihm geliebt worden sind,  haben danach das Leben wirklich mit anderen Augen gesehen? In jedem 08/15-Pseudo Ratgeber à la „Liebe dich selbst und es ist egal wen du heiratest“ oder irgendwelchen komischen Glücksratgebern steht im Prinzip dasselbe. Braucht man deswegen einen Roman, der einem das, noch nicht einmal subtil, sondern mit dem Holzhammer, einzutrichtern versucht. Ich denke nein. Das Leben ist komplizierter gestrickt, als dass es sich durch solch vereinfachte Formeln erklären lassen kann.

Die Botschaft, dass man sich auf das Leben und nicht auf das Jenseits konzentrieren soll, ist auch nicht so furchtbar neu und wirkt auf mich genau so banal, wie die Reduzierung auf die körperliche Liebe als einzig selig machendes Allheilmittel.  Schon andere vor der fiktiven Person Ben Jones haben Gott sterben lassen. Nun mag man dazu stehen, wie man möchte. Aber auch hier frage ich mich, nach dem Sinn des Ganzen. Denkt James Frey tatsächlich, wenn man diesen simplen Grundsätzen folgen würde, wäre es besser, um die Zukunft der Menschheit gestellt und lässt deshalb den neuen Messias diese Botschaft verkünden. Ich hoffe nicht. Denn zum Nachdenken regt dieses Buch nicht an. Man kann es gut nebenbei lesen, es weglegen und sich einigermaßen unterhalten fühlen. Und zwei Wochen später hat man es vergessen. Aber ich hege die Befürchtung, dass die eigentliche Intention Freys eine andere war. Das ist aber in die Hose gegangen.

Fazit: Recht unterhaltsame  Messias-Geschichte, die aber leider versucht eine allzu simple Botschaft intellektuell aufzubauschen und sich so vollkommen vergaloppiert. Die Grundidee hätte einen guten Komödienstoff geliefert. So ist es nichts weiter als ein pseudophilosophischer Unterhaltungsroman, der auf anspruchsvolle Literatur macht. Was ihn trotzdem einigermaßen lesenswert macht, ist der durch die verschiedenen Übersetzer besonders hervorgehobenen Stilwechsel der verschiedenen Kapitel.


James Frey: Das letzte Testament der Heiligen Schrift
Roman
Heyne, November 2013
Originaltitel: The Final Testament of The Holy Bible (2011)
Aus dem Amerikanischen von Alexandra Henning von Lange, Clemens J. Setz, Tina Uebel, Zoë Jenny, Katja Scholtz, Kristof Magnusson, Charles Lewinsky, Gerd Haffmans, Steffen Jacobs, Klaus Modick, Juli Zeh, Sven Böttcher und Harry Rowohlt
448 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)
ISBN: 978-3453410480
(auch gebunden - 19,95 €, Haffmans & Tolkemitt - und als E-Book erhältlich: 16,99 €)

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