Freitag, 9. Januar 2015

Sarah Pinborough & F. Paul Wilson: Die letzte Plage


Diese Kollaboration der britischen Autorin Sarah Pinborough mit dem US-amerikanischen Schriftsteller F. Paul Wilson (bekannt vor allem durch seine Handyman-Jack-Romane) war im letzten Jahr für den Stoker Award, dem wohl renommiertesten amerikanischen Preis für Horrorliteratur, nominiert und musste sich am Ende nur Stephen Kings DOCTOR SLEEP geschlagen geben. Es ist beileibe keine Schande gegen King zu verlieren, aber auch DIE LETZTE PLAGE wäre ein wahrhaft würdiger Preisträger gewesen. Der Luzifer Verlag hat sich die deutschen Rechte für diesen Roman an Land gezogen und so kommen wir recht früh zu dem Vergnügen, diese exzellente Dystopie in übersetzter Fassung lesen zu können.

Die Menschheit geht zu Grunde. Diesmal sind es keine Zombies oder irgendwelche Killerviren, die dem Homo Sapiens den Garaus machen, sondern es sind mutierte Fliegen, durch deren Bisse Menschen an einer in drei Tagen tödlich verlaufenden Autoimmunkrankheit erkranken. Erzählt wird die Geschichte des Enthüllungsjournalisten Nigel, der dem Ursprung der zunächst in Afrika aufgetretenen  Mutation auf der Spur ist und seiner Frau Abby, einer an Lupus erkrankten Krankenschwester, die durch ihre Krankheit zurück zum katholischen Glauben gefunden hat. Als Nigels Story über den Ursprung der Seuche ohne wirkliche Verifizierung an die Öffentlichkeit gerät, passiert ein Unglück (der vermeintliche Verursacher der Mutation und seine Familie werden gelyncht), dass er dadurch zu kompensieren versucht, ein verschwundenes Kind wiederzufinden. Währenddessen hört die Zivilisation, wie wir sie kennen, auf zu existieren.

Das hört sich nun  nach einer recht unspektakulären, fast schon typisch zu nennenden dystopischen Geschichte an. Was diesen Roman aber über andere Vertreter dieser Gattung hinaushebt, ist die Geschichte von Nigel und Abby. Das Paar hat sich entfremdet. Sie ist die schon fast fundamentale Christin und er ist der rational denkende Atheist. Die Liebe der beiden zueinander ist aber trotz aller Gegensätze und auch Spannungen zwischen den Zeilen spürbar. (Kleiner Bezug zu meiner vorhergehenden Rezension: So schreibt man in einem Spannungsroman eine Liebesgeschichte und nicht wie in WILDER FLUSS). Und an dem Konflikt der beiden wird nun beispielhaft der Konflikt von Glauben und Unglauben im Kleinen ausgetragen, der in Anbetracht des bevorstehenden Untergangs der Zivilisation auch im Großen ausgetragen wird. Hier diejenige, die glaubt, alles sei von Gott vorherbestimmt und gewollt, um die Welt von den (schlechten?) Menschen zu reinigen (darauf beruht wohl auch der Originaltitel A Necassary End - "Ein notwendiges Ende") und auf der anderen Seite der Rationalist, für den alles purer Zufall ist. Aber das Autorenduo stellt sich auf keine Seite. Beiden Möglichkeiten wird Raum gegeben und am Ende gibt es keinen „Sieger“.  Wenn man eine Lehre aus dem Buch ziehen kann, dann, dass jede Einstellung zunächst einmal Respekt verdient, sollte sie auf den ersten Blick noch so fremd erscheinen. Es sei denn, sie ist einfach nur dumm und menschenverachtend, denn auch solche Einstellungen kommen im Buch zur Sprache. Das ist wohltuend anders als viele andere Dystopien, die zum größten Teil das Recht des Stärkeren propagieren, und verleiht dem Roman einen humanistischen Anstrich, der gerade in Tagen wie diesen, nicht zu kurz kommen darf.

Aber das soll jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass DIE LETZTE PLAGE ein langweiliges philosophisches Traktat sei. Im Gegenteil: Es ist ein spannender Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Die metaphysischen Aspekte bekommt man nebenbei mitserviert. Und das ist etwas, was in meinen Augen aus einem guten Unterhaltungsroman einen großartigen Unterhaltungsroman macht. Dazu kommen noch einige humorvolle Passagen, etwa ein kurzer Bericht über den Umgang Nordkoreas mit der Fliegenseuche.  Als einziges kleines Manko kann man vielleicht nennen, dass gegen Ende fast etwas zu dick in Sachen Sentimentalität aufgetragen wird. Aber man hat nie den Eindruck, dass es unpassend wäre. Eher im Gegenteil. Ein fast rundum gelungener Endzeit-Roman, der berührt, zum Reflektieren anregt und dazu noch spannend ist. (14/15)

Sarah Pinborough & F. Paul Wilson: Die letzte Plage
Titel der amerikanischen Originalausgabe: A NECASSARY END (2013)
Übersetzung: Kalle Max Hoffmann
Cover: Michael Potrafle
Luzifer Verlag, Dezember 2014
352 Seiten
12,99 € (Paperback)
ISBN: 9783958350144



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