Mittwoch, 4. September 2013

Michael Schmidt: Teutonic Horror



Michael Schmidt ist nicht nur der Herausgeber der Anthologie-Reihe Zwielicht (bisher gibt es drei reguläre Bände mit neuen und fünfmal die Classic-Ausgabe mit älteren Kurzgeschichten und Artikeln) und Begründer des Vincent Preis, des einzigen Preises für Horror-Literatur in Deutschland, dessen Blog mit den Jahres-Horrorlisten einen einzigartigen Überblick über die im deutschsprachigen Raum erscheinenden Genre-Publikationen gibt (und an dem ich die Ehre habe, mitzuarbeiten). Nein, zwischendurch findet er auch noch Zeit selbst zu schreiben. Und über die Jahre sind in verschiedenen Anthologien und Magazinen so einige Horror-Kurzgeschichten zusammengekommen, die nun in dieser Storysammlung vereint sind. Michael Schmidts Science-Fiction-Stories gibt es übrigens auch in geballter Form und zwar in der (bisher?) nur als E-Book erschienen Sammlung TEUTONIC FUTURE.

TEUTONIC HORROR erschien auch 2011 zunächst als reines E-Book und 2013 dann auch in überarbeiteter Fassung als Printausgabe im Eigenverlag über Create Space, Amazons Print-on-Demand-Plattform. Der Band enthält 15 Geschichten, auf die ich im Folgenden mal mehr, mal weniger ausführlich eingehen möchte.
Eröffnet wird der Band mit der Geschichte „Volldampf voraus!“, die erstmals in ZWIELICHT 1 (2009) erschienen ist. Der Heizer einer Dampflok scheint nicht mehr ganz bei Sinnen zu sein und offenbart nebenbei noch andere Geheimnisse aus seiner Vergangenheit. Sehr kurze, sehr intensive Geschichte, die zum Ende hin immer fieser wird, aber den Leser auch ein wenig im Unklaren lässt. Mir ist beim Lesen Theodor Fontanes Ballade „John Maynard“ ein wenig in den Sinn gekommen. Ein vielversprechender Opener.

Story Nummer Zwei heißt „Remanenz“. Ich hab mich schlau gemacht, Remanenz bedeutet in der Physik so viel wie Restmagnetismus, der noch übrig bleibt, wenn ein Metall entmagnetisiert wird. Genug der Bildung, weiter mit der Geschichte. Sie beginnt gegen Ende des 1. Weltkriegs und zeigt auf, was für Folgen es haben kann, wenn man durch Zeitreisen den Lauf der Geschichte verändert. Die Grundidee mit den Zeitreisen und en Eingriffen in historische Ereignisse ist nicht neu. Aber der Ideenreichtum dieser Kurzgeschichte ist enorm. Und das ist auch in meinen Augen ihr Problem. Der Autor hat versucht Ideen für einen 200-Seiten-Roman (mindestens) in eine Kurzgeschichte zu packen. Mir fehlt da etwas und in meinen Augen verschenkt Schmidt hier seine guten Ideen. Wäre das Ganze ein Romanexposé bekäme es Höchstnoten von mir, aber als Kurzgeschichte funktioniert die Story nicht.

Weiter geht es mit „Rhythmus der Angst“, der Geschichte aus diesem Band deren Erstveröffentlichung am längsten zurückliegt (2004). Ein kleiner Drogendealer ist auf der Flucht vor einem Voodoo-Fluch. Auch eine kurze Geschichte, an der mir besonders der Erzählrhythmus gefallen hat. Die Flucht selbst wird in kurzen, stakkato-artigen Sätzen beschrieben, bei denen man beim Lesen selbst das Gefühl bekommt, dass man außer Atem gerät. Und während man die Vorgeschichte erfährt, liest man längere und verschachteltere Sätze, die auch das Lesetempo beeinflussen. Das ist richtig gut gemacht. Nur zum Ende hin wird der Rhythmus in meinen Augen nicht konsequent genug durchgehalten. Trotzdem: eine gute Kurzgeschichte.

„Abgründe“ ist auch eine recht frühe Geschichte (2005). Aus der Perspektive eines Sadisten, der sich mit einem Vampir verbündet hat, um seinen Neigungen nachzugehen, wird erzählt, wie er nun versucht, diese Verbindung zu lösen. Ohne besonders ins Detail zu gehen wird das sadistische Vorleben kurz angedeutet. Hier kann man sehen, dass weniger manchmal mehr sein kann. Die taten wirken nicht weniger abstoßend, als würde bis ins winzigste Detail hinein jede Gräueltat beschrieben. Im Gegenteil. Nur das Ende der Geschichte passte meines Erachtens nicht zum Rest und das trübt dann doch den eigentlich positiven Eindruck.

„Der Tod ist dir sicher!“ spielt in Marokko und handelt von einem Abenteurer, der in eine Art Endlosschleife gerät. Formal auch hier wieder höchstes Niveau, doch irgendwie fehlt der Geschichte das Herz. Sie ist zwar gut, wird aber nicht lange in meinem Gedächtnis haften bleiben, weil sie mich emotional eher kalt gelassen hat.

Mit „Ein Stein in der Mauer“ kommt dann mein persönlicher Favorit in diesem Band. Ein Mann schaut sich die Verfilmung des Pink Floyd-Albums „The Wall“ an und wird in einen Sog hineingezogen, wo die Beziehung zu seiner Ex-Frau ihn nachträglich noch buchstäblich erdrückt. Das ist so eindrucksvoll umgesetzt, dass die Emotionen des Protagonisten namens Mallmann (John Sinclair lässt grüßen?) beim Lesen mitgefühlt werden. Im Gegensatz zur Vorgängerstory ist das eine, die wohl so schnell nicht vergessen werde.

Die nächste Geschichte „Der geborgte Tag“ kannte ich schon aus der Zombie-Anthologie „Hunger“. Eine schnörkellose Geschichte, die gut unterhalten will und das bis auf ein paar Ausnahmen in einer Gesprächsszene auch schafft. Ein Typ Kleinkrimineller, wie man ihn aus Filmen wie „Bang Boom Bang“ kennt, erlebt in Koblenz plötzlich einen Zombieüberfall und verhält sich dabei weiterhin recht cool. Wenn man an solchen Geschichten Spaß hat, wird man gut bedient.

„Maria“ ist eine in der ersten Person aus Sicht eines Werwolfs erzählte Geschichte. Dieser verliebt sich in die Titelheldin und will nun gerne seinen Fluch hinter sich lassen. Werwolfgeschichten sind in meinen Augen ein sehr schwierigen Unterfangen. Die Regeln scheinen noch strenger als bei anderen Genre-Wesen. Darum müssen neue Werwolfgeschichten auf irgendeine Art originell sein. Das ist „Maria“ nicht. Und daher ist es für mich die erste wirklich schwache Geschichte in dieser Sammlung. 

Der Titel der nächsten Story ist ebenfalls ein Name. Diesmal muss der männlich Vorname „Ruppert“ herhalten. Und Ruppert kommt aus Berlin an den Mittelrhein und will dort die Klamm hinaufwandern. Aber während der Wanderung wird er mit Schrecken konfrontiert, die Lovecraft’sche Ausmaße haben. Diese Geschichte hat mich dann sofort für den Vorgänger entschädigt. Ein bekanntes Thema, das an einem nicht unbedingt dafür prädestinierten Ort versetzt wird, ein interessanter Protagonist und eine gute Auflösung. Viel mehr kann man von einer Kurzgeschichte nicht verlangen. 

„Zwei Seelen in der Brust“ ist wieder eine Werwolfgeschichte. Wieder aus der Perspektive des Werwolfs. Und wieder kann sie mich nicht überzeugen. Wieder trifft der Werwolf in Menschengestalt eine Frau, die er als Bestie verschonen will. In meinen Augen ist die Geschichte nicht originell und die Dialoge werden zum Ende hin so kitschig, dass sie auch in einer Nachmittagstelenovela auffallen würden. 

Die Story „Scheinbar“ erschien zuerst im Magazin NEUES AUS ANDERWELT 37, das den Schwerpunkt Teufel bzw. Hölle hatte. Ein frustrierter Mann findet in den Weiten des Internets eine Website auf der er seine aufgestauten Aggressionen auf alle, die ihn im Laufe des Tages genervt haben, abbauen kann. Doch geschehen, die Dinge, die er ihnen antut, wirklich nur in der virtuellen Welt? Eine kurze, moderne und prägnante Story, die die Möglichkeiten des Teufels im WorldWideWeb aufzeigt, auf gutem Niveau.

„Widergeburt“ ist eine etwas andere Advents- bzw. Weihnachtsgeschichte. Die Ankunft, die hier zu Heiligabend hin erwartet wird, ist, wie der Titel schon sagt, widernatürlich. Eine eigentlich lebensüberdrüssige Frau wird vermutlich von einem Dämon vor dem Freitod abgehalten. Die sieben Todsünden erwachen und und die Lage spitzt sich in Richtung Weihnachten zu. Und dieses Zuspitzen ist ein gelungener Schachzug. Man weiß, es wird zu Weihnachten etwas passieren, aber man weiß nicht, was es ist. Und das macht die Spannung dieser Geschichte aus, die auf interessante Weise mit christlichen Gedankengut spielt.

Die 13. Story des Bandes ist eine Heavy-Metal-Geschichte. Der Titel „Hellrider“ ist ein Songtitel von Judas Priest, wie auch die einzelnen kleinen Unterkapitel mit Songtitel des Albums „Defenders of the Faith“ der Band überschrieben ist. Und auch die Metalcombo, die hier auf ihren Auftritt in Hamburg wartet ist unverkennbar Judas Pries nachempfunden. Wie die Band in den Kiez in St. Pauli unsicher macht ist ebenso glaubhaft erzählt, wie der übernatürliche Part der Geschichte. Ein Motorrad fahrendes Skelett mit weißen Haaren (Iron Maidens Eddie) und noch einige andere dämonische Gestalten tauchen auf. In der Geschichte ist Musik.

Und noch einmal ein Vorname als Titel: „Adrian“. Ein Brite reist von von Nord nach Süd durch Deutschland und im Zug wird schnell klar, dass er ein Vampir ist. Er ist auf einer speziellen Mission und in Köln zeigt sich dann, weshalb er nach Deutschland gereist ist. Eine erotisch angehauchte Vampirgeschichte, die mir einfach nicht liegt. Handwerklich gibt es nichts auszusetzen und es wird bestimmt jemanden geben, der die Geschichte gut finden wird. Aber ich bin es nicht.

Und mit der letzten Geschichte „Schwarz wie Blut“ schließt sich der Kreis. Wie in der ersten Geschichte kommt auch in dieser eine Dampflok vor. Einem Brüderpaar wird vorhergesagt, dass einer der beiden stirbt und der andere „die dunkle Phantasie seiner Leser beflügeln wird“. Einer der Brüder heißt Edgar und die Geschichte spielt 1831 in Baltimore. Ein interessanter Ansatz, der zwar nicht unbedingt literaturwissenschaftlich ist, aber dafür den Leser in seinen Bann zieht. Die Story kommt leicht Tagebuchartig daher, was ihr gut zu Gesicht steht und ist ein würdiger Schlusspunkt des Bandes.

Was jetzt noch fehlt ist ein Gesamteindruck: Ganz unabhängig von der Qualität der Geschichten fällt schon einmal die unheimliche Bandbreite der Geschichten auf. Zombies, Vampire und auch Werwölfe haben ihre Auftritte. Von der Heavy-Metal-Story über eine im Lovecraft-Stil gehaltenen und einer klassischen Gruselgeschichte bis hin zum modernen Internet-Horror ist alles dabei. Und das alles von nur einem Autor. Das verdient schon mal Respekt. Und dazu merkt man den Geschichten an, dass hier ein Kenner der Materie am Werk ist, der mit der mit verschiedenen Genreelementen spielen kann, aber auch manchmal den bekannten Themen neue Aspekte abgewinnen kann. 

Das gelingt mal mehr und mal weniger gut. Die Werwolfgeschichten hätte ich nicht gebraucht. „Ein Stein in der Mauer“ ist eigentlich keine richtige Horrorgeschichte, sondern eher eine surreale Geschichte, die aus dem Band heraussticht und für die alleine sich schon das ganze Buch lohnt. „Ruppert“ und „Hellrider“ sind auch Stories, die ich so schnell nicht vergessen werde. Und die, die ich jetzt nicht nochmal explizit erwähne, sind ebenfalls von guter Qualität.



Fazit: Storysammlung mit 15 Geschichten aus den letzten 10 Jahren. Die Themen sind sehr abwechslungsreich und auch die formale Herangehensweise ist teilweise sehr unterschiedlich. Bis auf zwei Ausnahmen konnten fast alle Geschichten überzeugen, die eine mehr, die andere weniger. Aber selbst die Ausnahmen zeugen vom guten Stil des Autors, der es bei thematisch interessanten und originellen Geschichten schafft, Geschichten der Spitzenklasse zu fabrizieren.

Michael Schmidt: Teutonic Horror
Create Space Independent Pubkishing Platform, März 2013
Titelbild: Lothar Bauer
174 Seiten
8,90 €
ISBN: 978-1483980959
auch als E-Book erhältlich: 3,00 €

Taschenbuch bei Amazon
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